„Versorgungssicherheit ist immer auch mit Anstrengungen verbunden!“

Die Digi-Talks mit Jörg Brunk.

Heute im Gespräch mit Dr. Jürgen Tusch, Unternehmensberater,
zum Thema Anwendungen von LTE450

Dr. Jürgen Tusch hat 2019 die ersten Praxistests mit der 450MHz-LTE-Funknetztechnologie für die Anwendungsfälle von Energieversorgern durchgeführt – gemeinsam mit 450connect und einem technischen Ausrüster. Tusch war damals Bereichsleiter Telekommunikation bei innogy, der späteren Westenergie; heute gibt er als Berater seine Erfahrungen im Markt an Anbieter und Dienstleister weiter, die LTE450-Lösungen für Energieunternehmen implementieren wollen.

 

Herr Dr. Tusch – Ihr erster Rat an Unternehmen, die LTE450 einsetzen wollen?

„Gehen Sie vom Use Case aus! Die technische Implementierung von LTE450 ist nur die Pflicht, die Integration in die Prozessabläufe in den Anwendungsfällen beziehungsweise das Aufsetzen neuer Prozesse ist die wahre Kür. LTE450 wird viele, auch neue Applikationen ermöglichen. Für manche Unternehmen können sich dadurch neue Perspektiven bis hin zum Geschäftsmodell ergeben.“

 

Welche Anwendungen könnten das sein?

„Zählen, messen, steuern – über LTE450 kann ich die nötige Transparenz und Kontrolle für den Betrieb kritischer Infrastrukturen erreichen, insbesondere bei der dezentralen Energieversorgung. Ein weiterer Anwendungsfall im Verteilnetzbereich ist die automatische Rekonfiguration von digitalen Ortsnetzstationen nach einer Störung inklusive der Versorgung von zusätzlichen Sensoren, die einer besseren Beobachtbarkeit des Mittel- und Niederspannungsnetzes dienen. Last but not least lässt sich aufgrund der guten Gebäudedurchdringung die Verbindung zu intelligenten Messsystemen in den Kellern von Wohnhäusern realisieren.“

 

Als autarkes und schwarzfallfestes Kommunikationsnetz wird LTE450 grundsätzlich allen Betreibern kritischer Infrastrukturen zugänglich sein, größter Bedarfsträger ist aber die Energiewirtschaft?

„Die großen Herausforderungen der Energiewirtschaft wie die Integration von Millionen PVAs, WKAs, Batteriespeichern, Transformatoren, Zählern und Sensoren sind nur mit einer leistungsfähigen und widerstandsfähigen Kommunikationsinfrastruktur zu meistern. Die Energiewende führt zu einer massiven Zunahme der fluktuierenden dezentralen Einspeisung. Über LTE450 lassen sich die Vorgänge insbesondere in der Mittelspannungsebene zuverlässig überwachen und steuern, um die Netze sicher betreiben zu können. Dunkelflauten oder sonnige, stürmische Feiertage etwa lassen sich von den Energieversorgern nur dann managen, wenn eine zuverlässige Beobachtbarkeit und Steuerbarkeit der Netze gewährleistet ist. Deswegen sind die hohe Verfügbarkeit und Resilienz von LTE450 so wichtig. Das betrifft auch die Sprachkommunikation. Ein Szenario wie der Wiederanlauf nach dem Schwarzfall fußt nun einmal auf der Annahme, dass Anlagen und Personal gleichermaßen erreichbar sind. Mit LTE450 ist das möglich. Der technische Aufwand bei der Implementierung ist daher hoch, aber berechtigt. Große Versorgungssicherheit ist immer auch mit großen Anstrengungen verbunden!“

 

Im Zuge seiner Praxistests realisierte Dr. Tusch mit seinem Team im – immer noch aktiven – Testfeld im Raum Dortmund einen Proof of Concept. Getestet wurden unter anderem die Steuerung von WKAs und die Einbindung von Smart Metern. Ergebnis: Die sich aus den verschiedenen Use Cases ergebenden Kommunikationsbedarfe wird LTE450 auch unter schwierigen Bedingungen erfüllen, inklusive der Sprachkommunikation bei Blackout.

Apropos Personal. Auch in unserer Branche gibt es Nachwuchssorgen und die  „gute alte“ Fernwirktechnik hat ja ein etwas verstaubtes Image. Warum sollten sich junge Leute für dieses Berufsfeld entscheiden?

„Das Profil ist extrem anspruchsvoll. Es gilt Energietechnik und state-of-the-art Telekommunikation gleichzeitig zu beherrschen, zudem braucht es ein gehöriges Maß an Geduld und Nehmerqualitäten für Projekte über mehrere Jahre hinweg. Wer aber Engineering als kreativen Prozess begreift und die Energiewende aktiv mitgestalten möchte, findet kein besseres Umfeld. Ich habe fast mein gesamtes Berufsleben in dieser Branche verbracht und könnte mir kaum eine schönere Aufgabe vorstellen“

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